Remote Work: Wie Sie die größten Herausforderungen meistern
Kategorie: Kultur | Leadership | Organisation
Remote Work

„Do not follow where the path may lead. Go instead where there is no path and leave a trail.“                                                                                                                                                                                                                                                                                             Ralph Waldo Emerson

UND DER HUND SCHAUT ALS EINZIGER IN DIE KAMERA

Montagmorgen, Remote Work im Lockdown – die erste Videokonferenz der Woche findet statt: wir sehen einen Bildschirm, der in mehrere Rechtecke unterteilt sind. In meinem Fall sind vier davon mit Initialen in kleinen Kreisen gefüllt (die Kamera ist ausgestellt). Ich sehe darüber hinaus ein Schlafzimmer, eine Küche (beide leer), sowie eine braun-schwarzes Feld nicht identifizierbaren Inhalts. Letztes gibt schnaufende Geräusche von sich.

Der Call beginnt 5 Minuten später. Das schnaufende Etwas hat sich zunächst in ein felliges Ohr und dann in einen Hund verwandelt, der interessiert in die Kamera blickt, bis er von einem Teilnehmer vom Bett gejagt wird. Die anonymen Initialen sind nach mehrmaliger Aufforderung zu Videos von Menschen geworden. Alle acht Quadrate sind nun endlich mit Gesichtern gefüllt.

Und trotzdem schaut niemand den anderen an – denn alle blicken in die acht Felder mit den Gesichtern unter der Kamera. Eine Organisation schaut aneinander vorbei.

FROM ISLAND TO ISLAND

Genau dieses Phänomen hat mich beschäftigt – daher habe ich begonnen herumzufragen und zu diskutieren: Mit Kunden, mit Kollegen und Freunden. Dabei haben sich zunächst fünf große Herausforderungen der Remote-Organisation herauskristallisiert.

Remote-Work
Graphik: 5 Herausforderungen Remote Work

Fehlende Infrastruktur: „Schatz, heute sitzt Du in der Küche“

Im Homeoffice zu arbeiten ist eine gute Sache. Doch nicht jeder hat hierfür die Voraussetzungen. Da sind zum einen die räumlichen Beschränkungen – manche besitzen keinen festen Arbeitsplatz zu Hause – geschweige denn einen eigenen Raum für die Arbeit. Das führt zu sehr schönen Begegnungen in Videomeetings (ich freue mich immer, die Familien von Kollegen oder Kunden unerwartet kennenzulernen). Viele klagen allerdings auch über fehlende Rückzugsmöglichkeiten und damit fehlendem Arbeitsfokus.
Zweites großes Problem: Nicht jeder besitzt die Fähigkeit mit den neuen virtuellen Werkzeugen professionell umzugehen. In virtuelle Meetings gibt es zu häufig noch „Tool-Diskussionen“, bevor man Inhalte diskutieren kann. Die größere Gefahr besteht jedoch darin, dass bestimmte Mitarbeiter ganz abgehängt werden und Homeoffice für sie eine sehr „einsame Insel“ wird.

Unsicherheit: „Ich habe aus direkter Quelle gehört, dass…“

Umsatzeinbrüche und Kurzarbeit sind bei vielen Unternehmen Realität geworden. Selbst wenn das nicht der Fall ist, stellt sich bei Mitarbeitern (und auch im Management) ein Gefühl der Unsicherheit und Angst ein. Viele Informationen fließen in Remote-Zeiten nicht mehr selbstverständlich. Eine mangelnde Unternehmenskommunikation verstärkt dieses Klima. Werden Krisenpläne und -entscheidungen nicht zeitnah und transparent an die Mitarbeiter kommuniziert, schafft das Management Raum für virtuellen Funk und Spekulation. Dies kann zur Abspaltung von Einzelpersonen und Teams führen. Erreicht der Flurfunk eine kritische Masse, kann eine Organisationskultur nachhaltig geschädigt werden.

Fehlende Selbstorganisation: „Wo sind meine Meetings?“

Nicht jeder Mitarbeiter ist es gewohnt, sich den Arbeitsalltag ohne soziales Umfeld zu organisieren. Vor-Ort Meetings und reale Treffen mit den Kollegen (bis hin zur Mittagspause) sind wichtige Strukturelemente des Tagesablaufs.

Bestimmte Arten der Zusammenarbeit fallen online schwerer. Gerade Meetings in denen es um kreatives Arbeiten Ideen-basierten Austausch oder strategisches Arbeiten geht wird schwieriger, wenn keine guten virtuellen Tools zur Verfügung stehen. Zur Meeting-Atmosphäre hat ein Kollege diesen Satz formuliert: „Seien wir ehrlich – virtuell geht Vieles – aber die Stimmung bei wilden Brainstormings bis spät abends mit einer Pizza und dem Kickerspiel zwischendurch – die geht verloren.“

Intransparenz: „Was machen meine Mitarbeiter eigentlich zu Hause?“

In einigen modernen Organisationen erfolgt die Unternehmenssteuerung bereits über gemeinsam festgelegte Ziele und Resultate. Wer in dieser Zeit schon mit OKRs (oder ähnlichen Methoden) arbeitet, ist gut aufgestellt.

Gesteuert wird in Unternehmen allerdings häufiger über Anwesenheit, persönlichen Austausch und Vor-Ort Meetings. In der remote-Situation fehlt vielen Führungskräften der Kontakt zum Austausch mit ihren Mitarbeitern und damit die Übersicht, was diese in der Distanz eigentlich machen. Diese Lücke wird zum Teil gar nicht, oder mit Mikromanagement und Übersteuerung gefüllt. In beiden Fällen steigen Fehl- oder Parallelarbeit, sowie Frustration bei den Beteiligten. Die wichtigen Ziele werden damit nicht erreicht.

Fehlende Perspektive: „Wir sind hier im Krisenmodus“

Die strategische Weiterentwicklung bleibt auf der Strecke, wenn man sich auf die Krise oder sogar das Überleben fokussiert.

Die Remote-Situation macht weder das Sammeln von Ideen, noch die eigentliche Strategie-Arbeit leichter.

Vernachlässigen Unternehmen die Entwicklung von Zukunftsperspektiven, hat das mehrere Auswirkungen:

Zum einen führt es zu einer starken Demotivation aller Beteiligten. Es kostet Kraft nur im Krisenmodus zu arbeiten. Die Krise kann schnell zum Status-Quo werden, wenn keine Aufbruchstimmung erzeugt wird, in der kreative und positive Gedanken Raum finden.

Ohne eine gemeinsam festgelegte Strategie wird es schon während der Krise schwieriger, dynamisch auf neue Herausforderungen zu reagieren und alle Mitarbeiter „mitzunehmen“. Spätestens mit dem Ablauf der Krise wird deutlich, dass man „dem Markt hinterherhinkt“.

Fazit

Von einer lebendigen und realen Organisation auf virtuelle Videoquadrate auf einem Display zu schrumpfen, ist ein riesiger Schritt. Und der tut vielen weh und führt zu unterschiedlichen Herausforderungen. Je besser man diese kennt, desto besser kann man Verbesserungsmaßnahmen ergreifen.

Die schauen wir uns im Teil 2 des Blogartikels an: Die virtuelle Organisation – 5 Erfolgsfaktoren

Dort geht es um „Jamais-vus“, die Idee des „bounded optimism“ und die Kraft von Ritualen unter dem Motto:

„In time of destruction, create something!”